Der Baum der Diana (L’arbore di Diana – 1787)

(L’arbore di Diana – 1787)

von V. Martin y Soler – L. da Ponte

Diana, Göttin der Jagd, des Mondes, der Keuschheit und anderer nützlicher Dinge

Ursula Adamek

Amor, Gott der Liebe, unbestimmten Geschlechts, stiftet viel Verwirrung

Anna Alberty

Doristo, Schäfer, Schüler des Dionysos, erwählter Hüter des Baumes der Diana

Horst Vladar

Endymion, Hirte, nach der Mythologie zum Gatten der Diana bestimmt

Norbert Kleinhenn

Silvio, Jäger, Rivale Endymions mit Spätbekehrung zum Priester

Richard Johns

Britomarte, erste leichtsinnige Nymphe der Diana, zu Beginn Jungfrau

Ulla Schwingel

Clizia, zweite leichtsinnige Nymphe der Diana, zu Beginn Jungfrau

Hilde Nilsen

Cloe, dritte leichtsinnige Nymphe der Diana, zu Beginn ebenfalls Jungfrau

Ursula T. Maxhofer

Musikalische Leitung

Georg Zettel

Alois Rottenaicher

Inszenierung

Horst Vladar

Bühnenbild

Walter Heinemann

Musikalische Einstudierung

Alois Rottenaicher

Siegfried Schwab

Produktionsassistenz

Annette Vladar

Orchester

Mitglieder des Akad. Orchesterverbandes München

Vicente Martin y Soler

1754      geboren am 2. Mai in Valencia

1776      nach kleineren Kompositionen Debüt als Opernkomponist in Madrid.

1776-1778      abschließende Studien u. a. bei G. B. Martini in Bologna.

1779-1785      Opernkomponist in Italien (Neapel, Turin, Lucca, Venedig, Parma und Florenz)

1785      Ankunft in Wien, erfolgreiche Zusammenarbeit mit Lorenzo da Ponte. Martin y Soler setzt sich gegen Mozart und Salieri durch. Er wird der Lieblingkomponist von Kaiser Joseph Il.

1786      »Una cosa rara«, seine bekannteste Oper entsteht.

1787       am 1. Oktober hat »L’arbore di Diana« — »Der Baum der Diana« in Wien im Theater nächst der Burg Premiere.

1788      Berufung durch Katharina Il. als Opernkomponist nach Petersburg. Dort Zusammentreffen mit Cimarosa und Sarti.

1794-1796       mit da Ponte in London. Hier unter anderem auch englische Bearbeitung von Arien aus »L’arbore di Diana«.

1796      Rückkehr nach Petersburg.

1800-1804      Inspektor der italienischen Hoftheatergruppe in Petersburg.

1806      am 30. Januar (oder 11. Februar?) stirbt Vicente Martin y Soler in Petersburg.

Lorenzo Da Ponte

1749      geboren am 10. März in Ceneda (heute Vittorio Veneto).

1769-1773      Ausbildung zum Priester und Lehrer für Rethorik im Seminar von Portogruaro.

1777      Freundschaft mit Giacomo Casanova.

1779      wegen Ehebruchs Verbannung aus Venedig auf 15 Jahre.

1781      Ankunft in Wien.

1783      auf Vermittlung von Salieri Dichter für das italienische Theater in Wien.

1786      erster größerer Theatererfolg mit »Il burbero di buon cuore« (Musik von Martin y Soler). Im gleichen Jahr »Figaros Hochzeit« für W. A. Mozart und »Una cosa rara« für Martin y Soler.

1787      »L’arbore di Diana« und »Don Giovanni“.

1791      Entlassung aus dem kaiserlichen Dienst in Wien.

1792      da Ponte geht nach London.

1794-1796      Zusammenarbeit mit V. Martin y Soler in London. Die beiden scheiden im Streit.

1806      Nach unruhigen Jahren in England, Holland, Italien und Belgien Ankunft in New York. Da Ponte arbeitet als Spezereienhändler, Buchhändler und Lehrer für Italienisch.

1830      da Ponte bemüht sich um die Einrichtung einer ständigen italienischen Oper in New York.

1836      der Brand des Opernhauses macht alle seine Pläne zunichte.

1838      am 17. August stirbt da Ponte in New York.

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Inhaltsangabe

Unsere Geschichte handelt von Amor, der der Göttin Diana einen Streich spielt. Die Sterblichen, die in dieses Spiel geraten, sind nicht zu beneiden: Zauber und Gegenzauber versetzen sie in Angst und Schrecken. Es ist schwer die Pläne der Gottheiten zu durchschauen. Herr da Ponte hat dafür gesorgt, daß selbst die mythologieerfahrenen unter Ihnen leicht verwirrt sein werden. Etwas frivoler als in unseren Schulbüchern geht es auch zu, aber das ist sicher kein Schaden. Und was soll bei einer komischen Oper am Ende schon schlecht ausgehen?

1. Akt:

Die Nymphen Britomarte, Clizia und Cloe haben auf Geheiß ihrer Göttin den Schäfer Doristo entführt und bringen den Schlafenden unter den Baum der Diana, Amor weckt den Schäfer und gibt sich ihm zu erkennen. Er will ihn zu seinem Gehilfen machen, um den Stolz einer Dame — Diana — zu bestrafen. Doristo weigert sich, doch Amor klärt ihn auf, welches Schicksal ihm bevorstehe: Diana wolle ihn zum Wächter ihres Baumes machen, an dem die Nymphen täglich die Probe ihrer Unschuld abzulegen hätten. Ein freudloses Dasein erwarte ihn, denn er sei nur für Garten und Baum zuständig. Die Probe selbst sei Sache des Baumes. Sind die Herzen der Nymphen noch unbefangen von Liebe, erfülle sich der Baum mit Licht und sanfte Musik erklinge. Ein einziger Gedanke an Liebe verfinstere den Baum und eine furchtbare Stimme nenne den Namen der Übeltäterin. Das ist zuviel für Doristo, er willigt in Amors Pläne ein.

Diana erscheint mit ihren Nymphen. Doristo ist begeistert von soviel weiblicher Schönheit. Sehr zum Ärger der Göttin, die ihn fürs erste in einen Baum verwandelt.

Der Jäger Silvio will den Jungen Hirten Endymion umbringen, weil dieser einen seiner Hunde getötet hat. Amor — inzwischen als anmutige Schäferin verkleidet — versucht den Streit zu schlichten: Ein Ast vom verwandelten Doristo soll den Hund wieder lebendig machen. Der «Baum« Doristo schreit vor Schmerz und warnt die beiden vor einem ähnlichen Schicksal. Der gereizte Silvio sticht mit seinem Messer zu und verwandelt ihn so — durch Amors Zauber — wieder in einen Menschen.
Ratlos schauen sich die drei an: Zuviel der Zauberei!

Die Nymphen wollen nach Doristo sehen und stellen erfreut fest, daß für jede von ihnen ein hübscher Bursche unter Dianas Baum zu finden Ist. Gelübde hin oder her, ein bißchen Sünde werde schon nicht schaden.

Die Ankunft Dianas und Amors stört die Idylle. Man versteckt die Männer in einer Höhle, Amor versucht der Göttin ihren Männerhaß auszureden. Umsonst, die Göttin bleibt streng, verlangt weiter die Unschuld ihrer Nymphen und glaubt fest an deren Standhaftigkeit. Amor zeigt ihr darauf die drei Männer in ihrem Versteck, die nun zitternd Dianas Strafgericht erwarten. Gleichzeitig hat ihre Schönheit in ihnen Liebe und Begierde erweckt. Wütend entfernt sich die Göttin. Amor gibt Endymion und Silvio je einen Pfeil. Wer als erster seinen Pfeil auf die Göttin schieße, werde ihr Geliebter sein. Den enttäuschten Doristo fängt die »Schöne« mit ihren Reizen. Er verspricht, sie zu heiraten.

Hungrig will Doristo von den Früchten des Baumes kosten, doch Diana mit ihrem Gefolge erscheint und will ihn töten. Die fremde Schäferin (Amor) stellt sich schützend vor Ihn. Zu den Streitenden kommt Silvio, er wagt es nicht, auf die Göttin zu schießen. Erst Endymion verwundet mit seinem Pfeil die schöne Jägerin. Noch wehrt sie sich gegen die erwachende Liebe und verzaubert voll Zorn unsere Helden.

2. Akt:

Britomarte befreit die Unglücklichen. Mit Küssen läßt sie sich dafür entlohnen. Diana überrascht die Fliehenden. Bis zur Entscheidung, welche Strafe die Frevler treffen soll, verwandelt sie die Männer und Britomarte in Schafe. Die »Schäferin« Amor hilft aus der Not. »Sie« rüstet zum letzten Gefecht: Britomarte und Doristo werden weggeschickt, für Silvio gibt es Arbeit, nur Endymion bleibt zurück. Diana, Clizia und Cloe finden ihn allein unter dem Baum. Dianas Wut ist groß, doch sie bringt es nicht übers Herz Endymion zu töten. Die beiden Nymphen sollen dies tun, zeigen sich aber nicht begeistert, diesen Auftrag auszuführen. Von einem lebendigen Hirten versprechen sie sich mehr Vergnügen,

Diana kann sich ihre Gefühle nicht erklären, sie will ihren Priester Alcindo um Rat fragen.

Vor der Grotte, wo Diana mit Alcindo zusammenzutreffen pflegt, wartet Doristo mit Britomarte auf weitere Anweisungen der fremden Schäferin. Aus Langeweile beginnt er, sein Eheversprechen vergessend, mit der Nymphe zu flirten, wird aber dabei von seiner »Braut« überrascht. Diese hat allerdings nicht viel Zeit, ihn zu bestrafen: Diana naht, um in der Quelle ein Bad zu nehmen. Amor befiehlt Endymion, sich schlafend zu stellen. Doristo und die Nymphen sollen einstweilen beim großen Tempel warten. Von Amor erschreckt, kommt die Göttin aus dem Bad. Sie sieht den schlafenden Endymion, und ihre Liebe zu ihm entbrennt vollends. Sie weckt zärtlich den Schläfer, und sich küssend gehen beide ab. Silvio rast vor Eifersucht, aber Amor beruhigt ihn und verkleidet ihn als Priester Alcindo. Nach einem kurzen Liebesrausch besinnt sich Diana ihrer göttlichen Tugenden. Trotz ihrer Liebe schickt sie aus Angst vor dem Priester Alcindo Endymion weg. Sie ahnt nichts von der Verkleidung Silvios und klagt ihm ihr Leid: Eine ihr unbekannte Macht verdrehe ihr ganzes Reich.

»Alcindo« ruft alle zur Prüfung unter den heiligen Baum, Doristo hat mit den nun fast liebestollen Nymphen seine liebe Not. Die Probe beginnt, und zur allgemeinen Überraschung nennt der Baum Diana als Übeltäterin. Ihr Erschrecken verrät sie. Jetzt erst erkennt sie Amors Falle, voll Zorn verdunkelt sie den Himmel. Sieghaft erscheint der kleine Liebesgott und sorgt für ein glückliches Ende. Diana wird auf ewig jede Nacht ihren Endymion besuchen. Silvio erhält immerwährende Jugend und Liebeskraft. Doristo darf seine drei Nymphen behalten und wird Künder von Amors Lehre.

Das Bühnenbild Walter Heinemanns, der in etwas kühlen Farben angedeutete Garten der Diana, ist einfach und läßt der turbulenten Handlung den nötigen  Spielraum. Die Diana, dargestellt von Ursula Adamek, wandelte sich: Aus der gestrengen, kühlen Frau, stimmlich in souveräner Überlegenheit gestaltet, wurde die zürnende Rächerin, die ihren Zorn in einer herrlich gesungenen Koloraturarie herausschleuderte. Aber das Schicksal, von Amors Pfeil verwundet, zu einer in Liebesschmerz und schließlich -glück dahinschmelzenden Frau zu werden, blieb ihr nicht erspart, sie wusste dies auszudrücken mit zarten, lyrischen Tönen.

Hin- und hergerissen zwischen Pflicht und Neigung, zwischen ihrem Keuschheitsgelübde und neugieriger Liebestollheit durften sich die Nymphen schließlich dem dionysischen Doristo hingeben. Horst Vladar spielte und sang den Doristo so, wie er dieses Kleinod konzipierte: Voller vordergründiger Unterhaltsamkeit, voller Pikanterie und Witz. Richard Johns als Jäger Silvio fühlte sich nicht so recht wohl in der von Frauen beherrschten Welt, er mußte, so bestimmte es Amor, den Priesterrock anziehen und auf Diana verzichten, dafür erhielt er ewige Jugend. Da Ponte machte kurzerhand aus Amor eine Schäferin, die, wie der hinterlistige Knabe, alle foppte, neckte und mit Pfeil und Bogen Menschen und Göttin in Atem hielt, dann aber auch selbst mal mit einem Küßchen hier, einem dort von der Liebe naschte. In dieser Rolle glänzte die mit schmeichelnder Stimme und verschmitzter Miene immer präsente, quecksilbrige Anna Alberty.

Sabine Hauschild in Donaukurier Ingolstadt am 12.07.1982

Wie so oft in den letzten Jahren bewährte sich Horst Vladars Gespür für den Geist der Opera buffa, und so erlebte man eine beschwingte, in keinem Augenblick langweilende Inszenierung eines Werkes, das seine Ausgrabung aus dem Archivschlaf szenisch und musikalisch in jeder Hinsicht verlohnte. Es gab keine toten Momente in dieser „Kammeroper“, die recht eigentlich aus der Spielfreude des Ensembles lebt. Mit erfüllten gesanglichen Leistungen brillierten vor allem die Damen: die auch im dramatischen Koloraturgesang bestens bewanderte, ausdrucksstarke Diana von Ursula Adamek, der reizende, meistens in weiblicher Verkleidung agie-rende Amor von Anna Alberty mit feinem lyrischen Sopran und die drei „leichtsinnigen Nymphen“ der Diana, Ulla Schwingel, Hilde Nilsen und Ursula T. Maxhofer. Horst Vladar als Schäfer und Schüler des Dionysos bewährte seine oft gerühmten Eigenschaften als ein Baßbuffo von Rang, assistiert von dem hell und kräftig intonie-renden lyrischen Tenor Norbert Kleinhenn als Hirte und Diana-Liebhaber sowie von Richard Johns als Jäger Silvio, von Amor zeitweise in einen Priester verwandelt.

Walter Heinemanns zeichnerisch lockere Bühnenbilder der antiken Liebesinsel entsprachen dem Geist einer Opera buffa, und im Orchestergraben musizierten wie immer die Damen und Herren des Akademischen Orchesterverbands München unter der impulsiv beschwingten Leitung von Georg Zettel. Solers melodiös anspre-chende Musik inspirierte das Auditorium zu reichem Beifall, vor allem als der Vorhang zum letzten Male gefallen war und Blumen und Getränke die Künstler belohnten.

Dr. Karl Ganzer am 19.07.1982 in Neuburger Rundschau und Augsburger Allemeine
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