Die vornehmen Wirte (Les aubergistes de qualité – 1812)

(Les aubergistes de qualité – 1812)

von Ch. S. Catel – V.-J. Jouy

Marquis de Ravannes

Elmar Goebel

Chevalier Villeroi

Jean Simon

Graf Favancourt

Claus Dieterle

Christine, seine Tochter

Ursula Adamek

Bernard, Wirt zur „Vorsehung“

Maurice Brown

Mme. Bernard, seine Frau

Kaye Sprenzel

Annette, deren Tochter

Toshiko Hirasaka

Charlot, Kellner

Hartmut op der Beck

Dutreillage, Dorfpolizist

Horst Vladar

Dorflehrer

Heinrich Wladarsch

Maler

Walter Heinemann

Dorfbewohner

Birgitt Claudia Schulz, Annette Vladar, Herta Wladarsch, Hans Buttmann, Berhard Pfahler, Michael Wladarsch

Musikalische Leitung

Georg Zettel

Inszenierung

Horst Vladar

Bühnenbild

Walter Heinemann

Musikalische Einstudierung

Hartmut Hudezek

Produktionsassistenz

Annette Vladar

Orchester

 

Mitglieder des Akad. Orchesterverbandes München

Wegen eines Duells müssen die beiden Freunde Chevalier Villeroi und Marquis de Ravannes aus Paris fliehen. Ihre Flucht soll nach Spanien führen, doch in einem kleinen Ort, 40 Meilen von Paris ändern sie ihre Pläne. Unter dem Namen »Gebrüder Robert« übernehmen sie die Gastwirtschaft »Krone«. Als großzügige und fidele Wirte erfreuen sie sich allgemeiner Beliebtheit am Ort: Bei den Männern wegen des reichlich spendierten Weines, bei den Mädchen wegen ihres Charmes. Aus dem letzten Grund sind allerdings die Dorfburschen eifersüchtig. Die Ehefrauen wiederum haben etwas gegen die Verführung ihrer Männer zu Kartenspiel und Trinkgelagen, besonders Madame Bernard. Ihr Mann, der Wirt des Gasthofes »Zur Vorsehung«, ist der beste Kunde seiner Konkurrenten, übertroffen höchstens vom Kommandanten der Dorfpolizei Dutreillage. Dieser hat Ravannes, den älteren der »Gebrüder Robert« zu seinem Vertrauten und Sekretär gemacht und so genügend Zeit, es sich gut gehen zu lassen. Durch Ravannes Tätigkeit für den Polizeichef erfahren die geheimnisvollen Wirte, daß man ihnen auf der Spur ist. Der Marquis flirtet jedoch ungeniert weiter mit Bernards Tochter Annette, zum Ärger des Kellners Charlot, der heimlich mit ihr verlobt ist.

Neue Gäste erscheinen im Ort. Ihre Reisekutsche ist defekt, die Reparatur wird einige Zeit in Anspruch nehmen. Die Gastwirte buhlen um die Gunst der Ankömmlinge. Villeroi erkennt in den Gästen überrascht seine Geliebte Christine und ihren Vater Graf Favancourt. Zum Glück kennt dieser die beiden Adeligen nicht. Den Liebenden gelingt es nur mühsam ihre Fassung zu behalten. In ihrer Verwirrung – sie vermutete Villeroi im fernen Spanien — willigt Christine ein, bis zur Reparatur des Wagens in Bernards Gasthof einzukehren. Sie sucht einen Weg um mit Villeroi ungestört sprechen zukönnen. Dies scheint aber in der angekündigten Reparaturzeit des Wagens – in knapp zwei Stunden – fast unmöglich. Um den beiden zu helfen ersinnt Ravannes eine tollkühne List. Er redet Dutreillage ein, Favancourt sei einer der beiden gesuchten Fremdlinge. Der Polizeikommandant läßt Favancourt kurz vor dessen Abfahrt verhaften. Da er Order hat, die Gesuchten mit Respekt zu behandeln, quartiert er den Grafen und Christine als seine Gefangenen im Gasthof der »Gebrüder Robert«ein. So kommt es doch noch zu einem Treffen der Liebenden.

Christine berichtet, daß ihr Vater Gouverneur dieses Bezirkes geworden sei. Nun seien sie vor dem offiziellen Amtsantritt inkognito auf einer Inspektionsreise. Nebenher suche der Graf auch nach den beiden, ihm unbekannten Adeligen. Seine »Verhaftung« bringt nun erst recht Gefahr! Nur sofortige Flucht kann den »Gebrüdern Robert« Rettung bringen. Schweren Herzens nehmen Christine und Villeroi Abschied. Beim von Dutreillage groß angelegten Verhör lüftet Graf Favancourt sein Inkognito. Die Überraschung ist groß. Man will nun die falschen Brüder einem Verhör unterziehen. Zu Christines Bestürzung erscheinen sie tatsächlich in der »Krone« und geben sich freimütig zu erkennen. Alles scheint verloren. Doch Christines Angst ist unbegründet. Ein Kurier bringt dem Grafen einen Brief des Königs. Darin erklärt der König die Begnadigung der beiden und gestattet ihre Rückkehr nach Paris. Favancourt gibt seinen Segen zur Verbindung Christines mit Villeroi. Dieser schenkt überglücklich die »Krone« Bernards Tochter Annette unter der Bedingung, daß sie ihren Charlot zum Mann bekommt.

Allgemeine Zufriedenheit!

Ch. S. Catel

Charles Simon Catel

1773      geboren am 10. Juni in Laigle (Orne)

1784      Eintritt in die »Ecole Royale de Chant et de Déclamation«, das Konservatorium zu Paris

1787      bereits Ernennung zum Korrepetitor und Hilfslehrer

1790      Korrepetitor der Großen Oper in Paris und zweiter Dirigent des Musikkorps der Nationalgarde, für das er viele Märsche und Hymnen komponiert

1795      Harmonieprofessor am Konservatorium

1802      Aufführung seiner ersten Oper »Semiramis«. Der Erfolg dieser Oper ermutigt ihn zu weiteren Opern. Daneben schrieb Catel sein musiktheoretisches Werk »Traité d’Harmonie«, eine Harmonielehre die bis in die Gegenwart bekannt geblieben ist.

1807      kommt die Oper »L’Auberge de Bagnères« heraus

1810      folgt »Les Bayadères«. Er wird zum Inspektor am Konservatorium ernannt.

1812      »DIE VORNEHMEN WIRTE« — »Les Aubergistes de Qualite«

1814      Aus Solidarität mit seinem Freund Sarrette, der als Vorsteher des Konservatoriums entlassen wurde, legt Catel alle öffentlichen Ämter nieder.

1815      Mitgliedschaft in der Académie française

1824      Ritter der Ehrenlegion

1830      am 29. November stirbt Catel in Paris.

 

Victor-Joseph Jouy

Jouy wurde 1764(?) oder 1769 in der Nähe von Versailles geboren.Er besuchte das Kollegium in Versailles, wo er durch große Intelligenz und Orginalität des Geistes auffällt, ein glühender Verehrer Voltaires. Schon als dreizehnjähriger muß er sich wegen einer Liebesgeschichte von einem Gönner als Offizierseleve nach Mittelamerika in Sicherheit bringen lassen. Auf eigenen Wunsch, um seine Studien fortsetzen zu können, kehrt er nach Europa zurück. Fünf Jahre später geht er mit seinem Regiment von Luxemburg aus nach Indien, wo er nach Berichten wieder tolldreiste Liebesabenteuer erlebt. Als er von der großen Revolution in der Heimat hört, kehrt Jouy nach Frankreich zurück. Mit der Begeisterung seinerJugend – er ist 24 Jahre alt – widmet er sich als Journaist den neuen Ideen. In späteren Revolutionsjahren zum Tode verurteilt, gelingt ihm die Flucht in die Schweiz. Als er nach der Revolution nach Paris zurückkehrt, wirft man ihn in den Wirren der Zeit dennoch ins Gefängnis. Hier reift sein Entschluß, aus der Armee auszuscheiden. Nach kurzer Tätigkeit als Chef der Präfektur in Brüssel widmet sich Jouy ganz der Literatur. In dieser Zeit entstehen seine Werke »La Vestale« (ein Libretto für Spontini), »Tippo Saib« (eine Tragödie, deren Schauplatz die Insel Ceylon ist) und»Lettres d’une Cousine à son Cousin«, die viel von seiner politischen Überzeugung und seiner Welterfahrung enthalten. In »Der Einsiedler«und »Der Einsiedler in der Provinz« beschreibt Jouy die Sitten und Gewohnheiten seiner Zeit in der Hauptstadt und in der Provinz. 1825 wird er in die Académie française berufen. Während der »100 Tage des Napoleon« wird er Kommissar am Theater Feydeau in Paris. Als Mitbegründer und Redakteur verschiedener Zeitungen wurde Jouy in mehrere politische Prozesse verwickelt. Im Gefängnis schreibt er das Erfolgsstück»Les Eremitesin Prison«. Mehrere seiner Werke waren von der Zensur verboten. Erst nach der Revolution von 1830 konnten sie unbehelligt veröffentlicht werden. 1831 zum Chef der Bibliothek im Louvre ernannt, zieht er sich aus der Politik zurück. Am 4. September 1846 starb Jouy. Opernlibretti schrieb Jouy unter anderem für Cherubini, Méhul, Rossini (»Wilhelm Tell«) und Spontini. Für Catel verfaßte er außer »Les Aubergistes de Qualité« noch weitere Stücke.

Nach »Biographie universell«, Paris

Horst Vladar beschritt in der Regie gewiß den richtigen Weg. In den heiter duftigen Bildern Walter Heinemanns bemüht er sich um gelöste Arrangements, läßt den Vorhang auf, bedient sich für die Zwischenakte einer Gardine; vor Aufführungsbeginn mimt ein Dekorationsmaler letzte Pinselstriche und muß mit Gewalt weggeschleppt werden … beim Umbau vor dem dritten Akt veranstaltet der Dorfpolizist (Horst Vladar) eine „Razzia“ im Publikum und führt lokale Prominenz kurzerhand ab auf die Rampe, um sie nach eingehender Begutachtung wieder zu entlassen: „Es war ein Irrtum…“ Diese spielerische Auflösung des Opernhaften bleibt dann allerdings szenisch doch oft wieder in künstlicher Sängerpose stecken. Da könnte die Regie durchaus noch etwas unkonventioneller, mutiger in Richtung Opernparodie gehen.

Friedrich Kraft am 26.07.1978 In „Donaukurier“ (Ingolstadt)

In intensiver Probenarbeit wuchsen die Darsteller zu einem respektablen Ensemble im Geiste der Opera comique zusammen: die lyrische Sopranistin Ursula Adamek (Wuppertal) als verliebtes Adelstöchterlein Christine, die muntere Wirtstochter Annette von Toshiko Hirasaka (Coburg), stimmlich und darstellerisch ein echtes Soubrettentalent, und die komisch resolute Wirtin von Kaye Sprenzel. Im Ensemble einer gemischten Männergesellschaft dominierte wie immer der markige Buffobaß des Dorfpolizisten von Horst Vladar (demnächst Oberspielleiter in Trier), auch darstellerisch ein gewichtiger Mittelpunkt der Aufführung; Elmar Goebel (Coburg) als adeliger Drahtzieher der Affäre, setzte trotz einer angesagten Indisposition seine beachtlichen tenoralen Mittel mit Erfolg für die Aufführung ein, bestens unterstützt von seinem verliebten Standesgenossen Villeroi, den Jean Simon (Biel) jugendlich. liebeswürdig verkörperte. Maurice Brown (Coburg) als arg weinseliger Wirt, Claus Dieterle (Luzern) als Graf Favancourt und Deus ex machina, Hartmut op der Beck (Düsseldorf) als munterer Kellner Charlot sowie Heinrich Wladarsch als Dorflehrer stellten in kleineren Rollen ihren Mann mit komödiantischer Spielfreude.

Voller Erfolg : Im Orchester walteten wie immer die jungen Damen und Herren des Akademischen Orchesterverbandes München ihres Amtes, mit spürbarer Freude an den zuweilen recht diffizilen Begleitaufgaben einer komischen Oper, die anno 1819 zum letztenmal in Deutschland (Hamburg) erklungen ist.

Dr. Karl Ganzer am 25.07.1978 in „Augsburger Allgemeine“ und „Neuburger Rundschau“
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