Der Zweikampf mit der Geliebten

Oper in drei Akten (Hamburg, 1811)

nach Fr. A. de Bances y Cándamo von J. Fr. Schink

Musik von Louis Spohr

Bearbeitung für die Neuburger Kammeroper von H. Vladar

Mathilde, Pfalzgräfin von Flandern

Annika Liljenroth

Don Alberto, Infant von Portugal

Ulrich Löns

Gaston, Prinz von Bearn

Stephan Hönig

Enrique, Graf von Lothringen

Matthias Ziegler

Donna Isabella

Yvonne Steiner

Laurette, ihre Kammerjungfer

Denise Felsecker

Fulgenzio, Diener der Pfalzgräfin

Elmar Göbel

Decio, Kammerdiener des Grafen

Horst Vladar

Kapitän eines Schiffes aus der „Alten Welt“

Horst Vladar

Vier Wilddiebe

Elmar Göbel, Stephan Hönig,

Ulrich Löns, Horst Vladar

Hofdamen und Höflinge

Chor der Neuburger Kammeroper

Musikalische Leitung

Alois Rottenaicher

Inszenierung

Horst Vladar

Bühnenbild

Ulrich Hüstebeck

Korrepetition und musik. Assistenz

Myoung Hyun Kim

Orchester

Mitglieder des Orchester des Akademischen Orchesterverbandes München

Chor der Neuburger Kammeroper

Norbert Stork (Einstudierung)

Die Handlung spielt in und um Brüssel.

Graf Enrique hat den spanischen Königshof verlassen, weil er seine Geliebte Isabella für untreu hält. Er geht nach Brüssel an den Hof der Pfalzgräfin Mathilde und wirbt um sie. Bei einer Jagd gerät er mit seinem Diener Decio an vier Wild­diebe. Ein fremder Ritter hilft aus der misslichen Lage. Enrique erkennt in ihm Donna Isabella, die ihm in Männerkleidung mit ihrer Zofe Laurette gefolgt ist. Enrique wiederholt den Vorwurf der Untreue. Die Pfalzgräfin, durch den Kampf­lärm alarmiert, kommt besorgt dazu. Isabella nimmt Enrique noch schnell das Versprechen ab, ihre Identität nicht zu verraten. Sie stellt sich der Pfalzgräfin als Don Rosardo, Sohn des Fürsten von Aragonien, vor. Mathilde findet an dem jungen Ritter Gefallen und lädt alle an ihren Hof nach Brüssel ein. Nun entsteht eine Reihe von falschen Auslegungen, Missverständnissen und Eifersüchteleien zwischen ihr, Enrique, Isabella und zwei weiteren Verehrern der Pfalzgräfin – Don Alberto und Gaston. Als Enrique Isabella durch zur Schau gestellte Gleich­gültigkeit reizt, bezichtigt sie ihn wütend des Treuebruchs an einer Freundin und der Ehrlosigkeit. Sie fordert den Beschimpften zum Duell. Mathilde kann es den Sitten und Gesetzen folgend nicht verhindern.

Enrique ist verzweifelt: Egal was er tun wird, es wird sich gegen ihn kehren. Das mit seinen Herrschaften leidende Dienerpaar versteht es mit einer List, Enrique doch noch zum Lesen eines aufklärenden Briefes zu bringen. Er erkennt seine blinde Eifersucht. Zerknirscht eilt er zum Kampfplatz, auf dem Don Rosardo ­Isa­bella entschlossen zum Kampf auf Leben und Tod bereit steht. Enrique wirft sich ihr zu Füßen, bekennt vor dem staunenden Volk seine Schuld, erklärt was gesche­hen ist und bittet um Verzeihung. Sie wird ihm natürlich gewährt. Die enttäuschte Mathilde vergibt dem Paar seine Maskerade und bittet um seine Freundschaft. Alles preist die Liebe.

Spohr wurde am 5. April 1784 in Braunschweig geboren. Sein Vater zog aus beruflichen Gründen – er war Arzt – nach Seesen, wo Louis aufwuchs und eine umfassende Bildung im Geiste der Aufklärung erhielt. Das Musische wurde dabei sehr gefördert: er malte und erhielt schon mit fünf Jahren Violinunterricht. So wurde bereits der Zwölfjährige zu Kompositionsversuchen angeregt. In Braunschweig bereitete er sich auf eine Laufbahn als Berufsmusiker vor. Mit fünfzehn Jahren erhielt er eine Anstellung in der Hofkapelle des Herzogs von Braunschweig. Unzufrieden mit der Art seiner theoretischen Ausbildung begann er mit Begeisterung die Partituren der großen Meister, vor allem W. A. Mozarts zu studieren. Der Herzog förderte ihn großzügig mit Stipendien und ermöglichte ihm Konzertreisen in die Musikzentren Leipzig und Dresden. Für seine Auftritte komponierte er sich selber geeignete Violinkonzerte. Er wurde bekannt und trat so 1805 als Konzertmeister in Gotha bei der Hofkapelle ein.

In dieser Zeit beschäftigte er sich intensiv mit dem Freimaurertum und knüpfte dadurch wichtige Beziehungen, die ihm noch viel helfen sollten. Er konnte die Qualität der Hofkapelle steigern und mit ihr die Wirkung seiner neu komponierten Werke erproben. Da ihn die Oper sehr interessierte – vor allem wollte er an der Schaffung einer eigenständigen deutschen Oper mitarbeiten – bewarb er sich an verschiedenen Theatern um Kompositionsaufträge. Sein Erstling „Die Prüfung“ wurde in Gotha 1806 uraufgeführt. Im selben Jahr heiratete er die Harfenistin Dorette Scheidler, mit der er auf ausgedehnte Konzerttourneen ging. Seine zweite Oper „Alruna“ kam 1808 in Weimar und Kassel auf die Bühne. 1811 folgte „Der Zweikampf mit der Geliebten“ in Hamburg. Während Spohr in Italien konzertierte, hatte 1816 in Prag seine Oper „Faust“ unter der Leitung von C. M. von Weber Premiere, ein Werk mit dem er zum ersten Male sein künstlerisches Streben erfüllt sah und das er zum Amtsantritt als Direktor der Oper 1818 in Frankfurt/M. leicht umgearbeitet auf die Bühne brachte. Hier kam 1819 auch die romantische Oper „Zemire und Azor“ (Neuburger Kammeroper 2000) heraus.

Aber Frankfurt konnte ihn nicht lange halten. Es folgten neue Konzertreisen nach Paris, London und wieder Dresden, bevor er sich 1822 in Kassel als Hofkapellmeister niederließ. Da er sehr offen für das Schaffen seiner Zeitgenossen war, brachte er hier neben den Werken der Wiener Klassiker und seinen eigenen neuen Schöpfungen (u. a. die Symphonie Nr. 4 „Die Weihe der Töne“ und die Oratorien „Die letzten Dinge“ und „Des Heilands letzte Stunden“) viele Werke seiner Zeitgenossen zu Gehör. Auch widmete er sich wieder mehr dem Unterrichten – die Schüler strömten aus der ganzen Welt zu ihm – und gab seine berühmte Violinschule (1833) heraus.

Doch waren die letzten 25 Jahre seines Lebens von schweren Schicksalsschlägen geprägt. Dazu zählen die zunehmenden Konflikte mit seinem Landesherrn, Intrigen im Theater, nachlassende, gefühlte Schöpferkraft und den aufgeklärten Bürger störende politische Entwicklungen, vor allem aber der Tod seiner Frau (1834) und seiner Kinder (1835 bzw. 1838). Zwar heiratete er noch einmal – 1836 die Pianistin Marianne Pfeiffer –, und erhielt durch die Erfolge außerhalb Kassels immer wieder Auftrieb, doch konnte auch die Ernennung anlässlich seines 25jährigen Dienstjubiläums zum Kurhessischen Generalmusikdirektor (1847) nicht verhindern, dass es 1851 zum Eklat einer „Abmahnung“ und „Bußzahlung“ kam, weil Spohr ein Gewohnheitsrecht in Anspruch genommen hatte.

Sein Kasseler Haus wurde zu einer Pilgerstätte für unzählige Musiker, Maler und Dichter. Unter ihnen war auch (1858) der junge Brahms. 1857 wurde Spohr zwangspensioniert. Das Violinspiel musste er aufgeben, weil er sich den Arm gebrochen hatte. Er starb hoch geachtet und wurde unter Anteilnahme der gesamten Kasseler Bevölkerung 1859 beigesetzt.

Zu dieser Fassung der Oper noch folgende Erklärungen:

Die Neuburger Kammeroper spielte 2012 als Deutsche Erstaufführung die rekonstruierten Fassung von „Der Zweikampf mit der Geliebten“ von Louis Spohr. Obwohl im Spohr-Gedankjahr 2009 fast alle bedeutenden Werke des Meisters zu hören waren, wurde diese Oper (Hamburg, 1811) seit ihrer Uraufführung nicht mehr gespielt, wohl weil das Libretto des J. Fr. Schink verschollen ist. Horst Vladar, der künstlerische Leiter der Neuburger Kammeroper entdeckte die Vorlage dazu (von Francisco A. de Bances y Cándamo) und konnte so ein Textbuch erstellen.

Liebeserklärungen

 

Der besondere Reiz der dritten und seit rund 170 Jahren nicht mehr erklungenen Oper Louis Spohrs DER ZWEIKAMPF MIT DER GELIEBTEN liegt in der mit höchsten Ambitionen sehr farbenreich und differenziert instrumentierten Partitur. Das Werk ist in seiner harmonischen Struktur und der durchgearbeiteten Stimmführung mit mannigfachen chromatischen Wendungen alles andere als konventionell. Spohr verlangt den Solisten alles in jenen Jahren nur Denkbare an geläufiger Virtuosität, Parlando und langem Atem für die lyrischeren Phrasen ab. Und den Musikern im Graben werden in mancher Hinsicht Herauforderungen zugemutet, für deren Bewältigung man dem Akademischen Orchesterverband München unter dem alle gefährlichen Klippen sicher umschiffenden ALOIS ROTTENAICHER große Hochachtung zollt. Die Ausstattung von ULRICH HÜSTEBECK deutet mit wenigen (sehr bunten, floral geformten) Elementen geschickt Außen- und Innenräume an, die sich bestens für das sehr lebendige und gut kalkulierte szenische Arrangement (ein fundamentales Missverständnis zwischen den Liebenden, die es nicht schaffen, sich auszusprechen und ihre Zuneigung unmittelbar und rechtzeitig zu erklären) von HORST VLADAR eignen. Mit ausgezeichnetem Gespür für die Belange eines Publikums von heute hat Vladar im Rahmen seiner Edition des Werkes und der Einrichtung für die Kammeroper Neuburg an der Donau manch zopfige Redewendung des Originals theatergerechter formuliert.

 

Mittelpunkt der Aufführung ist diesmal wieder YVONNE STEINER, die nicht nur ihre Anmut und Gewandtheit im raffinierten Spiel, sondern auch ihren wohl tönenden, flexiblen Sopran in der Hosenrolle der Isabella zur Geltung brachte. Sie fügte sich aber in das Gesamtensemble so ein, dass sich alle anderen bestens bewähren konnten. Allen voran ANNIKA LILIJENROTH (mit warmem lyrischen Sopran) als ihre gegen die Raffinesse der Isabella chancenlose Nebenbuhlerin Mathilde, doch genauso das komödiantische Ausnahmetalent Denise Felsecker als äußerst temperamentvolle Zofe Laurette sowie als deren Partner der in seiner Bühnenpräsenz unentbehrliche Bariton MICHAEL HOFFMANN als komisch-verschlagener Diener Decio. Der Tenor des schauspielerisch sehr gewandten MATTHIAS ZIEGLER (Enrique) glänzte besonders in seiner heldischen Arie im dritten Akt, außerdem ist er ein glaubhafter Liebhaber. In jeweils zwei kleineren Partien (Wilddiebe, verschmähte Liebhaber, Kampfrichter) bewährten sich ULRICH LÖNS (Tenor) und STEPHAN HÖNIG (Bass) in gesanglich gleichermaßen dankbaren wie anspruchsvollen, bzw. ELMAR GÖBEL und Horst Vladar in köstlich komischen Rollen. Die jüngst beim Label Hyperion erschienene CD mit zwei späten Sinfonien Spohrs (Orchestra della Svizzera Italiana unter Howard Shelley) vermittelt dankenswerterweise auch einen hervorragenden Eindruck von der Ouvertüre dieser Oper, so dass jene, die keine Gelegenheit hatten, sie in Neuburg zu hören, wenigstens einen partiellen Eindruck von dem originellen Werk gewinnen können.

 

Gerrit Waidelich in: ORPHEUS (Berlin) Heft 11+12

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