Die Mitternachtstunde (1788)

von F. Danzi – M. G. Lambrecht

„Die ensemblereiche Oper bildet die früheste und beste Nachahmung des ‚Figaro‘ im Rahmen des deutschen Singspiels, an den sie bewußt und in eifriger, aber selbständiger Nachbildung anknüpft.“
(Rochlitz)

Don Fernando, Hauptmann

Jean Simon

Bastian, sein Bursche

Elmar Goebel

Don Gusmann, General

Horst Vladar

Julia, seine Nichte

Ellen Monti

Laura, Kammermädchen

Schauspieler

Cecilia, Duenna

Niklas, Diener

Ambros, lahmer Invalide

Matthias, ein tauber Portier

Diener

Kaye Sprenzel

Ewld Thajer

Claus Dieterle

A. Werner Fischer

Walter Schäpe, Hans Buttmann

Musikalische Leitung

Georg Zettel

Inszenierung

Horst Vladar

Bühnenbild

Heinrich Wladarsch

Produktionsassistenz

Annette Vladar

Orchester

Mitglieder des Akad. Orchesterverbandes München

1. Bild (Platz vor einem Wirtshaus und dem Haus des Generals)

Don Fernando, der mit seinem Diener Bastian in der Stadt weilt, um die Erbschaft seines verstorbenen Onkels anzutreten, hat sich auf der Promenade in Julia verliebt. Er entdeckt, daß Sie die Nichte eines alten Familienfreundes, des Generals Don Gusmann ist. Als er diesen um Julias Hand bittet, muß er hören, daß sie bereits einem Kapitän zur See, Don Carlos, versprochen sei, den aber noch niemand gesehen habe. Er werde noch am selben Abend erwartet, damit nach altem Familienbrauch in der Mitternachtstunde die Hochzeit vollzogen werde. Don Fernando droht Julia zu entführen. Der General bietet, da er Gefallen an dem jungen Mann gefunden hat, eine Wette an: Wenn es dem Hauptmann gelänge, Julia mit ihrem Einverständnis noch vor Mitternacht zu entführen, werde er in die Ehe einwilligen und überdies 1000 Dukaten zahlen. Gewalt dürfe aber nicht angewandt werden. Don Fernando willigt ein. Sein Diener Bastian bändelt mit Julias Zofe Laura an und kann so das „gegnerische Lager“ auskundschaften. Durch einen Trick gelingt es, den schärfsten „Wachhund“, die Duenna Cecilia auszuschalten und für Don Fernandos Pläne zu gewinnen.

2. Bild (Saal im Haus des Generals)

Julia, die sich auf der Promenade ebenfalls in Don Fernando verliebt hatte, wird von Laura über die Wette und die Pläne des Hauptmanns eingeweiht. — Der General hat seine Leute, lauter Taube, Lahme und Einfältige, zusammengetrommelt und verteilt Order an sie. Während dieser Beratung gelingt es Don Ferdinando unbeobachtet ins Haus zu gelangen und die Parole zu erlauschen. So gelingt es ihm als „Schneidergeselle“ mit seiner Geliebten Kontakt aufzunehmen, bis er von Don Gus-mann entlarvt wird und abziehen muß. Er weiß aber nun, daß er mit Julias Liebe und Hilfe rechnen kann. — Bastian zieht als vermeintlicher Kapitän Don Carlos ins Haus ein um die „versprochene Julia“ zu heiraten. In einer Kiste steckt an Stelle der Aussteuer Don Fernando. Auch dieser Plan scheitert. Laura gaukelt dem General vor, sie stünde auf seiner Seite.

3. Bild (Julias Zimmer)

Mit Lauras Hilfe gelingt es Julia dem General glauben zu lassen, daß sie schlafe. Dieser räumt die Kleider weg und verschließt die Tür, durch die Julia schon längst entwichen ist.

4. Bild (Garten des Generals)

Von seinen Dienern wird dem General entdeckt, daß Julia mit Hilfe Lauras und Bastians über die Gartenmauer entführt werden soll. Julia hat Hauptmannskleidung angelegt und wird, als sie in der Dunkelheit entdeckt wird, von den Dienern für Don Fernando gehalten und auf Befehl des Generals zu dessen Gasthaus „zurückgeführt“. In seinen verfrühten Triumph hinein mischt sich der Jubelgesang der beiden vereinten Liebenden. List und Liebe haben wieder einmal aufgelegte Fesseln gesprengt.

Franz Danzi

wurde am 15. Mai 1763 als jüngster Sohn des Violoncellisten Innozenz Danzi in Mannheim geboren, wo der Vater im Hoforchester Kurfürst Karl Theodors engagiert war. Der Sohn zeigte sehr bald großes musikalisches Talent, so daß ihn der Vater in Gesang, Klavier- und Violoncello-Spiel unterwies. Seine außerordentliche Begabung ermöglichte es ihm bereits als Fünfzehnjähriger im kurpfälzischen Orchester mitzuwirken. Er vervollkommnete eine bisher praktische Ausbildung durch theoretische Studien in Kompositionslehre bei Abbe Vogler. Daneben erwarb er außer Sprachkenntnissen auch eine umfassende Allgemeinbildung, die ihn sogar zum Schriftsteller für Kunst- und Musikzeitungen werden ließ.

Als 1778 der kurpfälzische Hof nach München übersiedelte, blieb Franz Danzi in Mannheim und arbeitete vorübergehend auch als Repetitor am Hoftheater, das das erste Singspiel des jungen Komponisten in seinen Spielplan aufnahm. 1783 erst ging er als Nachfolger seines Vaters nach München. Fünf Jahre später stellte sich Danzi der Münchner Öffentlichkeit als Komponist mit seiner Oper „Die Mitternachtsstunde“ vor. 1789 folgten weitere Opern („Triumph der Treue“ und „Der Quasimann“), die zwar gefielen, denen doch kein nachhaltiger Erfolg beschieden war und die verschollen sind.

1790 heiratete er die Sängerin Margarete Marchand, die Tochter des Münchner Theaterdirektors Theobald Marchand. Sie hatte einige Jahre bei Leopold Mozart Unterricht erhalten und ihre Gesangskenntnisse bei Danzis Schwester, Franziska Lebrun, einer damals sehr berühmten Sängerin, so erweitert, daß sie hohes Ansehen sowohl als Darstellerin als auch als Klaviervirtuosin genoß. Von 1791 bis 1796 begab sich das Paar auf Kunstreisen nach Hamburg, Leipzig, Prag und in Italien nach Venedig und Florenz. Eine Krankheit der Frau zwang sie zur Rückkehr nach München. Am 18. Mai 1798 wurde Danzi zum Vizekapellmeister ernannt, wodurch sich sein Wirkungskreis neben dem Theater auch auf die Hofkirche erweiterte. Der Tod seiner Gattin am 11. Juni 1800 scheint Danzis Schaffenslust und -kraft wenn auch nicht gebrochen, so doch zunächst stark gehemmt und geschwächt zu haben. Daneben führten unzureichende Besoldung und Querelen mit seinem Kapellmeisterkollegen Peter Winter, einem sehr zurückhaltenden und feinsinnigen Natur entgegengesetzten Charakter, dazu, ihm München völlig zu verleiden. Gerne trat er 1807 eine Stelle als Kapellmeister in Stuttgart an. Hier begann seine Freundschaft mit Carl Maria von Weber, den er menschlich und künstlerisch sehr förderte (Aufführung des „Abu Hassan“ und anderer Werke) und dem er seine eigene Erfahrung rückhaltlos zur Verfügung stellte. Danzi war für Weber Freund und Mentor zugleich. Weber verwendete auch Themen von Danzi in seinen Kompositionen, was damals ein besonderes Zeichen von Verbundenheit und Verehrung war. Auch die Auswei-sung Webers aus Stuttgart setzte dieser Freundschaft kein Ende. In diese Stuttgarter Zeit fällt auch die Begegnung mit Ludwig Spohr (Violinschule), mit dem Danzi die Verehrung Mozarts verband.

Kompositorisch konnte sich Danzi in Stuttgart gegen Abeille, Konradin Kreutzer (Nachtlager von Granada) und Sutor nicht recht entfalten, was durch französischen Einfluß zu erklären ist. Trotz eines Lehrauftrages am Kunstinstitut im neueröffneten Waisenhaus, den er 1812 erhielt, ergriff Danzi die Gelegenheit, die Kapellmeister-stelle am Karlsruher Hoftheater zu übernehmen. In Karlsruhe erwarb sich Franz Danzi das Verdienst ein im ganzen mittelmäßiges Orchester zu höheren Leistungen zu befähigen. Dies war für ihn nicht nur eine Frage der Qualifikation des einzelnen Musikers, sondern auch eine Frage der sozialen und wirtschaftlichen Lage desselben. Auch für eine Vergrößerung des Orchesters setzte er sich ein, so daß es im Laufe der Zeit von 26 auf 44 Musiker erweitert wurde. Danzi erachtete eine Verstärkung der Bläser bei entsprechender Besetzung der anderen Instrumentengruppen für unerläßlich. In seinem Spielplan in Karlsruhe standen neben eigenen Werken und denen der damaligen Tagesgrößen immer auch Werke von Mozart, Cherubini, Beethoven und Carl M. v. Weber. Etliche von Webers Werken wie etwa den „Freischütz“ brachte Danzi schon ein halbes Jahr nach der Berliner Uraufführung in Karlsruhe heraus.

Von seinen Zeitgenossen als produzierender wie reproduzierender Künstler stark beachtet, gilt Danzi der historischen Betrachtung in erster Linie als Wegbereiter der
musikalischen Romantik, dessen Weg als künstlerische Leistung weitgehend verblaßt ist. Seine Tätigkeit als Kapellmeister wurde in seinen jüngeren Jahren günstiger beurteilt als später. Die Oper und die szenische Musik überhaupt standen im Mittelpunkt von Danzis schöpferischer Tätigkeit schon aufgrund seines Wirkens als Theaterkapellmeister. Danzi steuerte zu allen damals üblichen Formen Beiträge (von Schauspielmusiken und Balletten über Melodram und Singspiel bis zur großen Oper) bei. Seine Kirchenmusik, vorwiegend für die Münchner Hofkirche entstanden, wirkte sich belebend auf die Münchner Tradition aus. In der Kammermusik, die
vom Duo bis zum Sextett reicht, wird das Instrumentarium in den verschiedensten, auch seltenen Kombinationen verwendet und weist in späteren Werken in der Harmonie deutlich vorwärts. Die Konzerte und konzertanten Sinfonien, die sowohl das Klavier wie auch das Violoncello und Blasinstrumente als Soloinstrument in den Mittelpunkt stellen, sind einerseits an Mozart orientiert, bleiben aber andererseits in ihrer vielfachen Verwendung von Opernmelodien dem Zeitgeschmack verhaftet.

Am 13. April 1826 starb Franz Danzi in Karlsruhe.

(Nach Wilhelm Virneisel)

 

Matthias Georg Lamprecht

der Textdichter der „Mitternachtstunde“

Lambrecht war als Bearbeiter älterer französischer und englischer Stoffe bekannt. Auch als Übersetzer fremdländischer Opern hatte er sich verdient gemacht. Er war selbst Schauspieler und wird als trefflicher Charakterspieler gerühmt. Infolgedessen besaß er auch die bühnentechnische Erfahrung, die ein Theaterdichter und -übersetzer unbedingt braucht. Das Textbuch zur „Mitternachtstunde“ ist im allgemeinen geschickt aufgebaut und zeigt an der zeitgenössischen, oft recht schlechten Librettoliteratur gemessen, einigen Wert. Die Verse sind flüssig und natürlich und halten sich wohltuend von Geschraubtheiten und Schwülstigkeiten fern. Überra-schend reich ist die Oper an Ensembleszenen. Ein frischer, echter Buffoton weht durch das Ganze. Als Vorlage diente Lambrecht die französische Vorlage „La guerre ouverte“ von Jadin.

Als ein Volltreffer in der Wahl eines geeigneten (chorlosen) Stückes erwies sich die Opera buffa des in Mannheim geborenen, als Schöpfer geistvoll spritziger Kammermusik heute noch geschätzten Franz Danzi (1763—1826). —- Seine komische Oper „Die Mitternachtsstunde“, eine heitere Entführungsgeschichte in Offizierskreisen, ist geprägt von melodiösem Charme in den Arien und Ensembles, mozartnah, aber harmonisch aufgeschlossen, wo es gilt, romantisches Zeitgefühl in die buffoneske Geschichte einzubringen.

In Horst Vladar hatte das Neuburger Ensemble den richtigen, von komödiantischem Temperament beschwingten Spielleiter, dessen Regie keine toten Momente aufkommen ließ und der sein Handwerk als erfahrener Baßbuffo auch in der geschickten Führung seiner teilweise sehr jungen Mitspieler vortrefflich bewährte; als nobler, baßgewaltiger General und „Bewacher“ seiner Nichte war er überdies ein gewichtiger stimmlicher Mittelpunkt des Ensembles. Ellen Monti gestaltete die rasch entflammbare Laura stimmschön und anmutig, mit fulminantem Soubrettentemperament Anna Alberty die Zofe Laura als einen wahren Spielteufel aus dem – Geschlecht klassischer Kammermädchen mit Herz und.vogelleichtem Sopran.

Wie die weiblichen Hauptdarsteller, entstammen auch die männlichen Ensemblemitglieder dem Coburger Landestheater, an dem Vladar als Regisseur tätig ist: der sympathisch jungenhafte Hauptmann Don Fernando von Jean Simon, der sich mehr und mehr in die Rolle des erfolgreichen Liebhabers einlebte und als kräftig intonierender Tenor seinen Mann stand, der quicklebendige Elmar Goebel als. Offiziersbursche sowie der Primo uomo iu der Bedientenschar des Generals, Ewald Thayer (Niklas), Claus Dieterle (Ambros) und A. ‚Werner Fischer (Matthias). Die einzige Neuburgerin unter den Sängern, Kaye Sprenzel, war die altjüngferlich betuliche Duenna Cecilia.

Dr. Karl Ganzer am 19.07.1976 in „Augsburger Allegemeine“ und „Neuburger Rundschau“

 

 

Zeichnungen: Walter Heinemann

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