Wer für wen? (L’une pour l’autre – 1816)

(L’une pour l’autre – 1816)

von N. Isouard – Ch.-G. Etienne

Hélène

Cornelia Guber

Gourville, ihr Bräutigam

Hans Hitzeroth

Saint Albin, ihr Liebhaber

Markus Herzog

Richard, ihr Vater

Horst Vladar

Cécile, ihre Freundin

Ulrike J. Jöris

Jenneval, deren Liebhaber

Christoph Kayser

Dorfleute und Musikanten

Chor der Neuburger Kammeroper

Musikalische Leitung

Alois Rottenaicher

Inszenierung

Horst Vladar

Bühnenbild

Ulrich Hüstebeck

Musikal. Assistenz, Korrepetition

Markus Hanke

Choreinstudierung

Andreas Abspacher

Produktionsassistenz

Annette Vladar

Orchester

Mitglieder des Akad. Orchesterverbandes München

Am Tage vor ihrer Hochzeit mit dem für sie bestimmten Gourville überrascht M. Richard seine Tochter Helene bei einem Stelldichein mit dem jungen Offizier St. Albin. Um der Freundin aus der unangenehmen Situation zu helfen, gibt sich ihre
Freundin Cecile als Geliebte St. Albins aus. M. Richard beruhigt sich, da gibt es neue Verwirrung, als großspurig Gourville hereinrauscht. Er erkennt St. Albin als alten Bekannten aus Paris, und weil die Mädchen entschlossen ihr Spiel fort-setzen, verspricht er den Liebenden seine Hilfe. Die Lage wird noch verwickelter, als der eifersüchtige Jenneval, der wirkliche Liebhaber C£ciles, auftaucht und
seinen vermeintlichen Rivalen St. Albin zum Duell fordert. Dazu kommt es nicht, da Gourville getreu seinem Hilfe-Versprechen St. Albin zur Entführung der Geliebten rät und bei der Ausführung „hilft“. Im Dunklen bemerkt er nicht, daß seine Helene anstatt Cecile die Entführte ist.

Am nächsten Morgen klärt Gourville gutgelaunt den inzwischen von Cecile längst eingeweihten Jenneval über die Entführung auf, wundert sich sehr über dessen Gleichmut und verteilt großzügig Geld an die zur Hochzeit herbeieilenden Musiker und Gäste. Helene und St. Albin haben inzwischen M. Richard ihre Liebe
und ihre List gestanden und seine Verzeihung erreicht. Zu spät erkennt Gourville, daß er nicht für seine eigene Hochzeit mit Helene die Musiker bezahlt hat, sondern daß der Bräutigam St. Albin sein wird. Seine Großspurigkeit hilft ihm aber auch über diesen „Schicksalsschlag“ hinweg.

Nicolas Isouard – Sein Leben

Nicolas Isouard – auch Nicolö de Malte, Nicolö Isoiar oder nur Nicolö genannt – wurde am 18. Mai 1773 in Valletta auf Malta geboren, doch waren seine Eltern Franzosen aus Marseille. Ein Gönner finanzierte seine Erziehung an einer technischen und militärischen Schule in Paris, wo er aber auch Klavierunter-richt hatte. 1789 zwang ihn die Revolution, nach Malta zurückzukehren. Sein Vater verschaffte ihm eine Stelle in einem Kaufmannskontor. Er trat in der Gesellschaft als Pianist auf und studierte Komposition bei Michel-Ange Vella und Kontrapunkt bei Francesco Azzopardi. Später hatte er in Palermo Unterricht von Giuseppe Amendola und in Neapel bei dem damals berühmten Nicolo Sala, doch erteilte ihm auch einer der Großmeister der neapolitanischen Oper, Guglielmi (von diesem spielte 1987 die Neuburger Kammeroper „Die Laterne des Diogenes“), so manchen praktischen Rat.

Im Juni 1794 debütierte Isouard in Florenz als Komponist mit der Oper „L’avviso ai maritati“, die begeistert aufgenommen und auch in Lion, Dresden und Madrid gespielt wurde. Er gab daraufhin seinen Kaufmannsberuf auf und nannte sich Nicol6 de Malte. Man ernannte ihn zum Organisten von St. Jean de
Jerusalem in Malta. Dort blieb er bis zur fraı hen Invasion im Juni 1798 und komponierte für die Malteser Theater ernste und komische Opern im italieni-schen Stil. Er wurde der Sekretär des französischen Gouverneurs Vaubois und begleitete dessen Familie bei der Rückkehr nach Paris. Am 17. Februar 1800
wurde im Theätre Feydeau in Paris seine erste Opera-comique „Le petit page“ gegeben, die er zusammen mit Rodolphe Kreutzer komponiert hatte. Isouards kaufmännische Erfahrung führte 1802 zur Gründung des Verlagsbüros „Le Magasin de Musique“, einem ‘Verlag der Autoren’, den er mit Cherubini, Mehul, Rode, Kreutzer und Boieldieu ins Leben rief.

Isouards erster größerer Erfolg war „Michel-Ange“ (1802) auf ein Libretto von Delrieu. Er freundete sich mit dem Librettisten F. B. Hoffmann an, durch den er sich grundlegende Erkenntnisse der dramatischen Kunst erwarb. Die gemein-same Opera-bouffon „Les Rendez-vous bourgeois“ (Die Rendezvous der
Spießer) erlebte nach seiner Uraufführung (1807) Aufführungsserien, die erst
1933 abbrachen; 1971 wurde die Oper bei der ORTF aufgenommen.

Mit „Un jour 4 Paris“ (1808) begann Isouard seine lange Zusammenarbeit mit dem Librettisten Ch. G. Etienne, dem Herausgeber des „Journal des deux mondes“. Sie hatten 1810 in der Opgra-comique mit der Märchenoper „Cendrillon“ (Aschenputtel) einen herausragenden Erfolg. Zu einem Renner
wurde auch „Le Billett de loterie“ (Das Lotterielos). Diese einaktige Opera-comique wurde 1811 uraufgeführt. Die letzte nachgewiesene Aufführung fand 1929 in Amsterdam statt. Für den Südwestfunk wurde sie sogar noch um 1980 aufgenommen.

Bis zu seinem Lebensende schuf nun Isouard Opern. „Jeannot et Colin“ (1814) wurde zum Triumpf durch seine ausdrucksvollen Melodien, aber auch durch die gute Ausführung, doch begründete schließlich „Joconde“ (1814), ebenfalls nach einem Libretto von Etienne, Isouards internationales Ansehen. „Joconde“ (sieh NKO 2016) blieb bis zum Ende des Jahrhunderts im Repertoire und wurde noch 1918 in Paris aufgeführt. Die Schaffenskraft Isouards scheint durch die
Heimkehr (1811) seines stärksten Konkurrenten A. Boieldieu, der acht Jahre als Hofkapellmeister in St. Petersburg gewesen war, angespornt zu sein, denn in den späteren Werken zeigt Isouard eine außergewöhnliche Ausdruckskraft, die er in den früheren leicht und schnell komponierten nicht erreicht hatte.

1816 brachte er in Zusammenarbeit mit Etienne „Les deux maris“ (Die zwei Bräutigame) und schließlich am 11. Mai „L’une pour l’autre“ (Die eine für die andere – in unserer heute vorgestellten Fassung: Wer für wen?) in der Opera-comique, Salle Feydeau, in Paris zur Uraufführung. Die Rivalität mit seinem früheren Freund Boieldieu erreichte ihren Höhepunkt, als 1817 beide als Mitglied des Institut de France vorgeschlagen wurden und Boieldieu gewählt wurde. Verbittert brach Isouard alle Beziehungen zu seinem alten Freund ab. Seine letzte Oper „‚Aladin“ auf Etiennes Libretto konnte er nicht mehr vollen-den, denn er starb im Alter von 44 Jahren am 23. März 1818. „Aladin“ wurde von A. M. Benincori ergänzt 1822 mit Erfolg in Paris uraufgeführt.

 

Charles-Guillaume Etienne – Leben und Werk

Charles-Guillaume Etienne wurde am 5.1.1777 in Chamouilley bei St.Dizier im Departement Haute-Marne geboren. Er stammt aus einer sehr begüterten, alt-eingesessenen Familie. Da sein Vater früh starb, wuchs er bei seinem Onkel und Vormund, dem Pfarrer von Bar-le-Duc, auf. Ihm verdankte er seine gute Aus-bildung. Mit 16 Jahren kam er zu einem anderen Onkel nach Lyon, um Kauf-mann zu werden, doch wurde er durch die politischen Umstände daran gehindert, denn nach dem 31.5.1793 erhob sich Lyon gegen den Nationalkon-vent. Etienne wurde zum Militärdienst gezwungen. Die Geschehnisse dieses
Bürgerkriegs prägten sich tief in seine sanfte, empfindsame Seele ein. Nach Kriegsende verließ er Waffen und Uniform für immer und suchte in Bar-le-Duc seinen Frieden. Hier heiratete er – gerade 18 Jahre alt. Natürlich hatte er es nicht leicht, für seine Familie zu sorgen, aber in dieser nachrevolutionären Zeit der sozialen Erneuerung gab es genügend Ämter bei den Gerichten, auch ohne Studium. So trat Etienne mehrfach als sogenannter offiziöser Verteidiger am Gericht auf und machte durch Wortgewandheit und Redlichkeit Eindruck. Leider war dies eine bescheidene Einkunftsquelle, und obwohl er gleichzeitig
Bürovorstand in der Verwaltung des Departements Meuse war, blieb seine Lage precair. Mit viel Selbstvertrauen beschloß Etienne deshalb, nach Paris zu gehen, wo er sich eine bessere Stellung erhoffte. Seine Neigung führte ihn zur Literatur. Allerdings erhielt er zunächst nur einen kleinen Posten bei einem Freund der Familie. Doch allmählich verb: rte sich seine Lage. Neben der Tätig-keit für eine Fabrik versuchte er sich in verschiedenen Genres der Literatur. Mit anderen jungen Autoren schrieb er Revuen und Vaudevilles, 1799 hatte er sein Debut im Salle Favart mit „Le Reve“ (Der Traum), einer Opera-comique mit der Musik von Antoine-Frederic Gresnick. Ab da war sein Elan nicht mehr zu bremsen. In den folgenden Jahren gelang es ihm, meist gleichzeitig in mehreren Theatern Stücke zur Aufführung zu bringen. Dabei arbeitete er mit jungen, später berühmten Komponisten zusammen, wie Berton und Dalayrac.

Trotz seiner Fruchtbarkeit, seinen Erfolgen, der großen Zahl gespielter Stücke verbesserte sich seine finanzielle Lage nicht wesentlich. Die Theaterdirektoren genierten sich nicht, den Jungen Autoren, die ihnen Erfolg sicherten, einen einzigen Louis d’or für die Premiere – zu teilen unter mehreren Mitarbeitern –
und einen halben für weitere Vorstellungen anzubieten. So versteht man, daß der junge Autor, trotz der Erfolge, in Mittelmäßigkeit weiterleben mußte.
‚Aber die französische Gesellschaft erholte sich von der Revolution, und unter Napoleons Konsulat nahm man die „leichten“ Gewohnheiten wieder auf. Es bildeten sich Vereinigungen, die Soupers in Verbindung mit musikalischen Darbietungen organisierten. Der Bonapartist Etienne war natürlich in vorderster Linie dabei und freundete sich mit dem Royalisten Martainville an. Mit ihm zusammen schrieb er eine „Histoire du Theátre-Français“, die ein bisschen Ruhm, aber wenig Geld einbrachte.

So vergingen acht Jahre. Seine Frau war inzwischen auch in Paris, und die Familie hatte Zuwachs bekommen. Viele Illusionen waren verlorengegangen, als er einem Landsmann von der Maas begegnete, dem er von seinen Mühen und Enttäuschungen erzählte. Der bot ihm einen Verwaltungsposten beim militärischen Nachschub an. In seiner Not verließ er dafür Paris und zog nach Belgien. Eine Laune des Schicksals belohnte ihn dafür: Man gab bei seinem Abschied mit großem Erfolg seine Opera-comique „Une heure de mariage“ (Eine Stunde verheiratet) mit der Musik von N. Dalayrac im Theâtre Favart. Ein Adjutant erinnerte sich in Belgien an diesen Erfolg, und man beauftragte Etienne, für eine Feier ein Stück zu schreiben, das ebenfalls großen Erfolg hatte. Sein General riet: „Lassen Sie den Kriegsnachschub; liefern Sie uns Geistes-Nachschub!“

Etienne schrieb weitere Stücke. Napoleon erschien persönlich im Lager und sah „Une journee au camp de Bruges“ (Ein Tag im Lager von Brügge), das ihm sehr gefiel. Er sorgte für Etiennes Rückkehr nach Paris und seine Einstellung als Sekretär beim Minister Maret.

Im Gefolge Marets, dessen Vertrauen er bald gewann, kam Etienne nach Mai-land, Neapel, Wien, Berlin, Warschau. Er wurde als Zensor der Zeitungen ein-gesetzt und nutzte seine Chance, mit den Oberen gut zu stehen, auch für seine literarischen Ambitionen. Er schrieb anläßlich fast aller herausragenden poli-tischen Ereignisse Oden oder Theaterstücke. Man fand darin einfache Verse, spirtuelle Züge, gute Charakter-Beobachtungen und treffende Schilderungen der Zeitsitten. Das erregte die Aufmerksamkeit der Academie frangaise. Er war damals erst 33 Jahre alt.

Seine Karriere wurde aber plötzlich durch Plagiatsvorwürfe anläßlich seines Schauspiels „Les deux Gendres“ (Die zwei Schwiegersöhne) überschattet. Obwohl er seine Unschuld beweisen konnte, folgten Anfeindungen und Angriffe. Um die Geschichte zu beenden, schrieb er ein neues Stück „L’intrigante“ (Die Intrigantin), das zwiespältig aufgenommen wurde. Der
Kaiser sah in dem Stück bösartige Anspielungen und ließ es verbieten. Diese neuerliche Katastrophe nahm Etienne gelassen. Er flüchtete sich in seine Doppelfunktion als Journalist und Verwalter und schrieb in seiner Freizeit für Nicolas Isouard die Opern „Joconde“ und „Jeannot et Colin“ (1814).

Mit Napoleons Verbannung nach Elba ging das Empire zu Ende, und langsam gab es wieder Gedankenfreiheit. Doch Etienne blieb dem Empire treu und ging in die Opposition. Das neue Regime machte ihm verlockende Angebote, die er aber ablehnte. Mit Napoleons Rückkehr wurde er Direktor des „Journal de
l’Empire“ und blieb dies sogar nach den „100 Tagen“ Napoleons, was beweist, daß man mit seiner Haltung während der kaiserlichen Diktatur nicht so unzu-frieden war. Da man ihn aber als Mitverschwörer bei der kaiserlichen Rückkehr ansah. Bei der „Reinigung“ schloß man ihn aus der Academie aus wie viele andere.

In diesen Jahren schrieb Etienne für Isouard die Opern „Les deux maris“ (Die zwei Ehemänner) und „L’une pour l’autre“, in unserer heutigen Fassung: „Wer für wen?“ (1816). 1819 wurde die bekannte Zeitung „Constitutionnel“ neu-organisiert. Etienne wurde Aktionär und Chefredakteur und blieb nun den Prinzipien des Liberalismus treu. Nach 1830 verband er sich mit dem Regime von Louis-Philippe. Er wurde zu einem der einflußreichsten Männer des Parlaments. 1834 ließ er versteckte Kritik am Kabinet erscheinen; der Kurs der Regierung mißfiel ihm. Er wurde angegriffen und hüllte sich bis 1838 in Schweigen. Nach seiner Wiederwahl 1839 wurde er Vizepräsident des Parla-ments und Pair de France. Das Jahr 1844 brachte einen letzen Schlag für seine politischen Neigungen: Der „Constitutionnel“, für den er immer noch schrieb, wurde verkauft. Für seine bereits angeschlagene Gesundheit war dies zuviel; zudem starb seine Frau. Nur mit Mühe konnte er 1845 eine Rede für die Academie beenden. Er starb kurz danach.

Sein literarisches Werk umfaßt 12 Schauspiele, vor allem Komödien, 5 politi-sche und kunsthistorische Werke von zum Teil beträchtlichem Umfang und 12 Textbücher zu meist komischen Opern. Von den letzteren setzte N. Isouard 7, N. Dalayrac 2, L. Lebrun 2 und A. Boieldieu 1 in Musik. Ein Jahr nach seinem Tod wurden seine gesammelten Werke in 4 Bänden in Paris herausgegeben.

„Isouard erweist sich als ein ebenso feinsinnig arbeitender wie in der Erfindung origineller Komponist, der in Hinblick auf Stimmen- und Orchesterbehandlung seinem von der Musikgeschichte als würdiger befundenen Pariser Konkurrenten Boieldieu durchaus das Wasser reichen konnte und diesem durch die Zusammenarbeit mit dem Librettisten Charles-Guillaume Etienne in puncto Bühnensicherheit vielleicht sogar ein Stückchen voraus war. ‚Wer für wen?‘ empfiehlt sich fürs Repertoire.“
(Opernwelt IX/96)

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